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Arbeiten im Jahr 2020 - Sind wir im Home Office produktiv?

Dieses Jahr bietet zahlreichen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen die "Chance" auf Home Office - ob man will oder nicht. Werden damit einhergehend die Vorurteile vieler Vorgesetzte, die mit Home Office bis dato nicht vertraut waren, bestätigt? Treffen die Befürchtung zu: "Home Office - dann machen sich die Angestellten einen Gemütlichen, legen viele Pausen ein und arbeiten von der Couch aus, während sie noch im Halbschlaf im Pyjama Fernsehen gucken. Die Leistung im Homeoffice wird niemals mit der im Büro mithalten können. Wenn jetzt nun jeder von zu Hause arbeiten muss, sinkt doch die Produktivität - oder?"


Schauen wir uns diese Bedenken einmal näher an und starten mit ganz grundlegenden Dingen. Was bedeutet "Home Office" eigentlich? Unter Homeoffice im Jahr 2020 verstehen wir nicht unbedingt das heimisches Arbeitszimmer, welches vor allem in den Wohnungen vieler Großstädter fehlt, sondern einen übergreifenden Organisationsansatz zur Flexibilisierung der Arbeit. Wir sprechen davon, uns ein Homeoffice-Setup einzurichten - den jeweiligen Umständen entsprechend. Egal ob ein eigener Raum zum Arbeiten, ein Schreibtisch oder nur ein gut aufgeräumter Küchentisch - Home Office kann für jeden möglich sein und ist unter normaalen Umständen nicht unproduktiver als die Arbeit im Office. Doch in den vergangenen Monaten kamen neben den veränderten Arbeitsbedingungen auch veränderte (private) Rahmenbedingungen hinzu: Schulausfall, Kitaausfall, Lockdown, begrenzte soziale Kontakt und vieles Mehr.

Was generell festgestellt werden konnte...

Bereits im Jahr 2018 wurde in China untersucht, ob Menschen, die im Home Office arbeiten, genauso produktiv sind wie anwesend im Büro: dies war das Ctrip Experiment unter der Leitung von Nicholas Bloom. Die erstaunliche Erkenntnis: Ja! Die zweijährige Studie aus Standford konnte aufzeigen, dass das Arbeiten von zu Hause aus die Produktivität signifikant steigert. Die Studie zeigt darüber hinaus, dass Personen, die im Home-Office arbeiten, ihre volle Zeit abarbeiten oder sogar mehr Zeit investierten. Warum? Während in der Testgruppe "Office" Kollegen eher mal zu spät kamen, früher gingen oder vom Alltagsleben im Büro abgelenkt waren, fanden die Teilnehmer der anderen Gruppe es einfacher, sich zuhause zu konzentrieren und genossen das geringe Potential der Ablenkung. Es stellte sich heraus, dass die Angestellten im Home-Office kürzere Pausen einlegten, nicht häufig wegen Krankheit ausfallen und sich weniger freinahmen. Neben der Steigerung der Produktivität konnten somit auch Fehlzeiten verringert werden.

Hinzu kommt: wenn Arbeits- und Wohnstätte zumindest zeitweise Eins sind, können ökonomische und ökologische Kosten gesenkt werden. Emissionen konnten reduziert werden, da die Autos nicht in Bewegung gesetzt wurden; gleichzeitig sparte Ctrip über 2.000 Dollar pro Arbeitnehmer, da der teure Büroplatz in Shanghai unbesetzt blieb.


Die Schattenseite des Home Office? Nachdem den Mitarbeitern neun Monate lang erlaubt worden war, im Home-Office zu arbeiten, fragte Ctrip die ursprünglichen Freiwilligen, ob sie weiterhin von zu Hause arbeiten oder ins Büro zurückkehren wollten. Die Hälfte von ihnen bat darum, ins Büro zurückzukehren, obwohl sie durchschnittlich 40 Minuten in beide Richtungen pendeln mussten. Warum? "Die Antwort lautet: soziale Beziehungen", sagt Bloom. "Die Teilnehmer berichteten, dass sie sich zu Hause isoliert, einsam und deprimiert fühlten."


…muss im Zeitalter von COVID-19 neu betrachtet werden!

Die Ergebnisse der Studie aus dem Jahr 2018 fanden allerdings zu anderen Rahmenbedingungen statt als unser Home-Office in der aktuellen Zeit. Wir arbeiten seit Monaten zu Hause, häufig neben unseren Kindern, WG-Mitbewohnern oder Familienmitgliedern, in ungeeigneten Räumen, mit unzureichender Ausstattung - und viel einschneidender: wir haben aktuell gar keine andere Wahl. Eine weitere Abweichung zu den Rahmenbedingungen des Ctrip Experiments von damals: Ctrip forderte seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ausdrücklich auf, vier Tage in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten und jeden fünften Tag ins Büro zu kommen. Denn: persönliche Zusammenarbeit ist für Kreativität und Innovation notwendig, sagt Bloom. Seine Forschungen haben gezeigt, dass persönliche Treffen wesentlich sind, um neue Ideen zu entwickeln und die Mitarbeiter motiviert und konzentriert zu halten. Bereits damals fühlten sich die Menschen der Testgruppe Home-Office einsam. Dabei herrschte keine Krise mit "social distancing". Im Jahr 2020, unter diesen Prämissen, befürchtet Bloom, dass eine längere Zeit des Arbeitens von zu Hause aus nicht nur einen Produktivitätseinbruch bedeutet, sondern auch eine Krise der psychischen Gesundheit auslöst. "Alle gehen davon aus, dass ich über die weltweite Einführung der Heimarbeit begeistert sein würde", sagt Bloom. "Leider nicht."


Doch obwohl er besorgt ist, dass die Produktivität der Menschen und Unternehmen einen Sturzflug machen könnte, ist Bloom zuversichtlich, dass es nach dem anfänglichen Hürden der Pandemie einige Dinge gibt, die optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Unternehmen durften gemerkt haben, dass ihre Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch von zu Hause erfolgreich arbeiten können und nicht jedes Meeting face to face ablaufen muss. Wenn Unternehmen zukünftig also erfolgreich Informations- und Kommunikationstechnologie einführen und ihre Mitarbeiter im Home Office unter ähnlichen Bedingungen arbeiten lassen können, wie sie damals von Ctrip geschaffen wurden, können z.B. die Pendelprobleme in der Zukunft sicherlich abnehmen und Menschen kostbare Zeit gewinnen.


Welche Schlüsse können wir daraus nun ziehen?

Generell ist Home Office eine gute Lösung für jeden - vor allem aber in der aktuellen Situation um die Infektionsketten zu durchbrechen und den Virus einzudämmen. Allerdings müssen einige Rahmenbedingungen geschaffen werden, die sozialen Zusammenhalt suggerieren - denn wir sitzen alle im selben Boot.

Trotz der aktuell nicht idealen Voraussetzungen des Home Office im COVID-19 Zeitalter schlägt Bloom ein paar Dinge vor, die helfen können, den von ihm befürchteten Produktivitätsrückgang einzudämmen:

  • Regelmäßige Calls zwischen Vorgesetzten und ihren Teams

  • die Einhaltung des Tageablaufes, der z.B. darauf abzielt, Berufs- und Familienleben zu trennen

  • Videocalls statt Telefonate, um die Zusammenarbeit mit Kollegen zu fördern

Eine Anmerkung zum Ende: man sollte bedenken, dass das Ctrip Experiment in China durchgeführt wurde und die Ergebnisse auf Grund der demographischen und kulturellen Unterschiede nicht zu 100 Prozent auf Europa angewendet werden können.


Quellen

https://news.stanford.edu/2020/03/30/productivity-pitfalls-working-home-age-covid-19/

https://work-smart-initiative.ch/media/77118/home-officepdf.pdf

https://nbloom.people.stanford.edu/sites/g/files/sbiybj4746/f/wfh.pdf

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